Spuren der Mauer - fünf Stationen

Bernauer Straße

Nirgends wurde die Brutalität der Grenzziehung und -sicherung so offenkundig wie in der Bernauer Straße zwischen den Bezirken Mitte und Wedding. Während nach dem 13. August mit dem Zumauern der Häuser im sowjetischen Sektor begonnen wurde, sprangen die Menschen auf den Bürgersteig in den französischen Sektor. Die Häuser wurden bald darauf abgerissen, nur ihre Fassaden blieben jahrelang als Grenzmauer stehen. Um den Grenzstreifen zu »bereinigen«, wurden die Gräber des Sophien-Friedhofs umgebettet und 1985 die mächtige, neugotische Versöhnungskirche gesprengt.
Der ehemalige Todesstreifen ist bis heute nicht überbaut und bildet eine große Brache zwischen den Wohnblocks. Der Abschnitt an der Ecke zur Ackerstraße, der von hohen Stahlwänden eingefasst wird, ist seit 1998 Gedenkstätte. Als einziger Ort in Berlin vermittelt er noch eine Anschauung von der Grenzanlage mit Vorderlandmauer, Kiesstreifen, Kolonnenweg, Lichttrasse und Hinterlandmauer.
Das Dokumentationszentrum Berliner Mauer stellt die notwendige Ergänzung zur Gedenkstätte dar. Mit Fotografien, Filmen, Archivmaterial und Tondokumenten informiert es über den Mauerbau und seinen politischen Hintergrund. Zu dem Gedenkstättenensemble gehört auch die Kapelle der Versöhnung, ein ovaler Stampflehmbau hinter filigraner Lamellenwand. Die Kapelle wurde 1999 an der Stelle der gesprengten Versöhnungskirche errichtet.

Invalidenfriedhof / Scharnhorststraße

Der unter Friedrich II. 1748 angelegte Invalidenfriedhof wurde mit dem Mauerbau zum Grenzgebiet. Um für den Todesstreifen und die Hinterlandmauer, die hier partielle erhalten ist, Platz zu schaffen, ebnete man einen Teil der Grabfelder ein. Die aus roten Ziegeln errichtete Friedhofsmauer diente als Vorderlandmauer und war durch einen Stacheldrahtzaun verstärkt. Die Sektorengrenze verlief in der Mitte des Berlin-Spandauer Schiffahrtskanals. Nördlich des Friedhofes befindet sich der Turm der ehemaligen Führungsstelle am Kieler Eck, der in Funktion und Bauweise mit dem am Schlesischen Busch identisch ist. Von einem neuen Wohnkomplex umschlossen, ist der Zusammenhang mit der Grenzanlage am Invalidenfriedhof nicht mehr sichtbar.

Brandenburger Tor

Das Parlament der Bäume auf dem ehemaligen Grenzstreifen, heute im neuen Regierungsviertel am Spreebogen gelegen, wurde 1991 zum Gedenken an die getöteten Flüchtlinge und ostdeutschen Grenzer angelegt. Die Installation aus Bäumen, Gedenksteinen und Grenzsegmenten, die von Künstlern mit Bildern und Texten über »Die Art des Teilens« gestaltet sind, geht auf die Initiative des Künstlers Ben Wargin zurück.
Schon bald nach dem Mauerbau wurden in der Nähe des Reichstages auf West-Berliner Seite die ersten weißen Mahnkreuze für die Maueropfer errichtet. Gerhard Marcks' 1967 entstandene Bronzeskulptur »Der Rufer« ist im Mai 1989 vor dem Brandenburger Tor aufgestellt worden. Ein halbes Jahr später wurden die in den Sockel eingravierten Worte des Dichters Francesco Petrarca »Ich gehe durch die Welt und rufe: Friede Friede Friede« an der deutsch-deutschen Grenze Wirklichkeit.

Niederkirchnerstraße / Zimmerstraße

Der etwa 200 Meter lange Grenzmauerabschnitt in der Niederkirchnerstraße, von »Mauerspechten« nach der Grenzöffnung durchlöchert, bildet den nördlichen Abschluss des künftigen Dokumentationszentrums »Topographie des Terrors«, das auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Hauptzentrale errichtet wird.
An den Checkpoint Charlie, den alliierten Kontrollposten am Sektorenübergang Friedrichstraße, erinnern heute nur noch das mehrsprachige Schild mit dem Verweis auf die ehemaligen Sektorengrenze, das Kontrollhäuschen der US-Army (beides Nachbauten) und Frank Thiels Fotoinstallation, die Porträts eines nach Osten blickenden jungen amerikanischen Soldaten und eines in Richtung Westen schauenden sowjetischen Soldaten zeigt.
Am 17. August 1962 verblutete der 18jährige Peter Fechter beim Versuch, die Mauer an der Zimmerstraße / Ecke Charlottenstraße zu überwinden. Auf West-Berliner Gebiet mahnte lange Jahre ein schlichtes Holzkreuz an sein Schicksal. Nachdem es dem Bauboom der neunziger Jahre weichen mußte, erinnert heute eine Eisenstele an seinen Tod.

Oberbaumbrücke

Die Ende letzten Jahrhunderts erbaute Oberbaumbrücke war zu Mauerzeiten einer der acht innerstädtischen Grenzübergänge. Weihnachten 1963 überquerten Zehntausende von West-Berlinern die Brücke, um erstmals nach dem Mauerbau ihre Verwandten in Ost-Berlin wiederzusehen.
Zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof erstreckt sich entlang der sechsspurigen Mühlenstraße die East Side Gallery. Dieser 1,3 km lange Abschnitt der nach Ost-Berlin zeigenden Hinterlandmauer war hier, an der Protokollstrecke zum Flughafen Schönefeld, ausnahmsweise aus den hohen, L-förmigen Elementen der »West«-Mauer errichtet worden. 1990 verwandelten ihn Künstler aus aller Welt in eine Open-Air-Galerie. Hätten nicht einige von ihnen im letzten Sommer ihre Bilder erneuert, wären von den teils kritischen, teils witzigen Kommentaren zur Teilung und zum Mauerfall nur noch blasse Spuren übrig. Auf der anderen Seite der Spree, an der Puschkinallee, steht einer der beiden erhaltenen Wachtürme der Berliner Mauer. Sein guter Zustand ist dem Engagement eines Vereins zu verdanken, der hier bis vor einem Jahr mit Dokumentationen und künstlerischen Installationen an die Grenze erinnerte. Im August soll unter einem anderen Betreiber eine neue Ausstellung im Wachturm eröffnet werden.

In den vergangenen Jahren wurde in den Berliner Innenstadtbezirken der Mauerverlauf mit einer doppelten Pflastersteinreihe im Straßenboden markiert. Zuvor hatten Künstler andere Formen der Markierung erprobt: Zwischen dem Berliner Abgeordnetenhaus und dem Martin-Gropius-Bau verlaufen das Kupferband von Gerwin Zohlen und die roten und blauen Betonbohlen (für Vorder- und Hinterlandmauer) von Angela Bohnen.

In Ergänzung zur Mauermarkierung weisen bisher 15 Bild-Text-Tafeln zur »Geschichtsmeile Berliner Mauer« auf die Bedeutung der jeweiligen Orte im Zusammenhang mit der Mauer hin (die Standorte sind auf der Karte zum Mauerverlauf als blaue Punkte markiert). Die Informationstafeln aus Glas und einer Metallfassung werden in den nächsten Monaten um zusätzliche Stationen erweitert.

Die Bundeszentrale für politische Bildung präsentiert in Zusammenarbeit mit dem DeutschlandRadio eine ausführliche, mit historischen Dokumenten versehene »Chronik der Mauer - 15. Juni bis 24. August 1961« im Internet.

Unter »mauerfotos.de« hat der Fotograf Matthias Hoffmann mit rund 500 Fotografien, aufgenommen zwischen 1984 und 1989, eine annähernd vollständige Dokumentation des Verlaufs der Berliner Mauer veröffentlicht.