Grußwort

Vor vierzig Jahren, in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961, riegelten Einheiten der Grenz- und Volkspolizei der DDR, der Transportpolizei, des Amtes für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs, der Kampfgruppen, des Luftschutzes, der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Staatssicherheit die Zuwege von Ost-Berlin und der DDR nach West-Berlin hermetisch ab. Mit Stacheldraht, Holzbarrikaden und Panzersperren wurden die Übergänge zwischen Ost und West versperrt. Wenige Tage später wurde mit dem Bau einer fest gemauerten Sperranlage begonnen: Die "Berliner Mauer" entstand.

Der Bau der Berliner Mauer war der unmenschliche und letztlich hilflose Versuch des SED-Regimes, sein System vor dem Untergang zu retten. Die Repressionspolitik der DDR-Regierung, die Zwangskollektivierung und die dauerhafte Mangelwirtschaft im Land hatten die Unzufriedenheit und Ablehnung in der Bevölkerung stetig wachsen lassen. Immer mehr Menschen kehrten der DDR ihren Rücken zu: Allein im Jahr 1960 flohen 200.000 DDR-Bürger in den Westen, insgesamt waren es von 1949 bis zum Mauerbau über 2,6 Millionen. Die Massenflucht wurde für die SED zusehends zu einer existentiellen Bedrohung. Hinzu kam die steigende Auslandsverschuldung, die die DDR im Sommer 1961 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führte. Auf diesem Hintergrund gab die sowjetische Führung Anfang August 1961 dem Drängen der SED-Spitze nach, Ost-Berlin und die DDR vom Westteil der Stadt, der bis dahin frei zugänglich war und ein Schlupfloch in den Westen bildete, gewaltsam abzusperren.

Die Berliner Mauer wurde im Laufe der Jahre zu einem umfassenden Sperrkomplex ausgebaut, der aus Vorderlandmauer (Richtung Westen) und Hinterlandmauer (Richtung Osten) bestand, aus Kolonnenweg, Kontroll- und Schutzstreifen, Wachtürmen, Signalzaun- und Beleuchtungsanlagen. Für die neunziger Jahre war eine weitere Modernisierung mit elektronischen Meldesystemen und Mikrowellenschranken geplant.

Die Berliner Mauer riss Familien und Freunde jäh auseinander und zerstörte die selbstverständliche Kommunikation im Alltag tausender Menschen. Verkehrsverbindungen und Wirtschaftsbeziehungen, Telefon- und Stromleitungen wurden abrupt unterbrochen. Die Wohngebiete mancher Straßen wurden voneinander abgeschnitten und in West- und Ost-Berliner Seiten zerteilt. Vor allem aber schränkte das SED-Regime das Recht der DDR-Bürger auf Freizügigkeit in entscheidendem Maße ein und setzte die Bevölkerung einem erhöhten Anpassungsdruck aus. Mindestens 150 Menschen starben beim Versuch, die mit Waffengewalt gesicherten Grenzbefestigungen in Berlin zu überwinden. Über 72.000 Menschen wurden im Zusammenhang mit Fluchtversuchen in der DDR zu Haftstrafen verurteilt.

Im Herbst 1989, nach 28 Jahren, musste die SED angesichts der erstarkenden Protest- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR, der Massendemonstrationen und der Massenfluchtbewegung den Rückzug antreten. Am 9. November 1989 öffneten sich in Berlin unter dem Druck der anstürmenden Menschen die Schlagbäume. Mit dem Fall der Mauer war auch der Untergang der SED-Herrschaft nicht mehr aufzuhalten.

In diesem Jahr liegt es nun 40 Jahre zurück, dass die Berliner Mauer, die weltweit als Symbol von Unterdrückung und Unrecht galt, errichtet wurde. Trauer und Erleichterung mischen sich beim heutigen Gedenken: Trauer über die Wunden, die die Mauer geschlagen hat, und Erleichterung darüber, dass die Zeit der erzwungenen Teilung vorüber ist. Doch die Geschichte der Mauer und der Teilung ist kein abgeschlossenes Kapitel unserer Vergangenheit. Auch wenn die Mauer im Zuge der Euphorie nach 1989 weitgehend im Stadtbild ausgelöscht wurde, so reichen die Folgen des Mauerbaus bis in unsere Gegenwart hinein und stellen uns immer wieder vor gesellschafts-, kultur- und geschichtspolitische Herausforderungen. Dies gilt in besonderem Maße für Berlin, das die Zäsur des Mauerbaus in schärfster Form erfahren hat.

Das Land Berlin hat die herausragende Bedeutung dieser Aufgabe und die damit für Gesellschaft und Staat verbundene Verantwortungspflicht erkannt. Der Reichtum an bürgerschaftlichem Geschichtsengagement in der ehemals geteilten Stadt und die Vielfältigkeit der Erinnerungs- und Beratungsinitiativen bilden in diesem Rahmen ein äußerst wertvolles Gut, das auf politischer Ebene mit hoher Akzeptanz und Würdigung beantwortet wird. Das breit gefächerte Spektrum an Veranstaltungen zum 40. Jahrestag des Mauerbaus und die große Anzahl der beteiligten Organisationen zeigen in beeindruckender Weise, wie lebendig und gegenwärtig die Erinnerungslandschaft in Berlin ist, und belegen damit deutlich, dass sich Berlin der Bedeutung des eigenen historischen Selbstverständnisses bewusst ist.

Adrienne Goehler

Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur